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Keiner will mehr in den Vorstand? Vielleicht stellen Vereine die falsche Frage.

Der Vorstand sucht einen Nachfolger, der Kassenwart würde nach zwölf Jahren gerne aufhören, und beim Sommerfest melden sich immer dieselben drei Personen. Die schnelle Diagnose lautet: Niemand will sich mehr engagieren. Die Zahlen sagen etwas anderes.

„Wir finden einfach niemanden mehr.“ Diesen Satz hört man in Vereinen inzwischen erstaunlich oft.

Der Vorstand sucht einen Nachfolger. Der Kassenwart würde nach zwölf Jahren gerne aufhören. Für die Organisation des Sommerfestes melden sich immer dieselben drei Personen. Und wenn irgendwo das Wort „Vorstandsamt“ fällt, schauen plötzlich alle sehr interessiert auf ihr Handy.

Die schnelle Diagnose lautet dann: Die Leute wollen sich heute einfach nicht mehr ehrenamtlich engagieren.

Doch vielleicht stimmt das gar nicht. Vielleicht wollen Menschen durchaus helfen – nur anders als früher.

Und vielleicht müssen Vereine deshalb nicht zuerst fragen: „Wer übernimmt dieses Amt für die nächsten vier Jahre?“ Sondern: „Wer hat Lust, bei dieser einen Sache mitzumachen?“

Engagement ist nicht verschwunden

Die aktuellen Zahlen sprechen gegen die Vorstellung, dass niemand mehr helfen möchte.

Nach dem Sechsten Deutschen Freiwilligensurvey 2024 engagieren sich 36,7 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren freiwillig. Das entspricht rund 27 Millionen Menschen.

Gerade bei jüngeren Menschen ist die Bereitschaft hoch: Von den 14- bis 29-Jährigen engagieren sich 39,9 Prozent freiwillig. Bei den 30- bis 49-Jährigen sind es 40,4 Prozent.

Noch interessanter: Von den bislang nicht engagierten 14- bis 29-Jährigen können sich laut Freiwilligensurvey rund zwei Drittel vorstellen, eine freiwillige Tätigkeit aufzunehmen.

An grundsätzlich fehlender Bereitschaft kann es also nicht allein liegen.

Gleichzeitig haben Vereine und andere gemeinnützige Organisationen erhebliche Schwierigkeiten, Menschen für Leitungspositionen zu gewinnen. Die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt verweist unter Bezug auf den ZiviZ-Survey 2023 darauf, dass 53 Prozent der Vereine und gemeinnützigen Organisationen Probleme bei der Besetzung von Leitungspositionen haben.

Genau darin liegt der entscheidende Unterschied: Menschen wollen helfen. Aber nicht jeder möchte sich deshalb sofort für mehrere Jahre an ein Amt binden.

Ein Vorstandsamt ist etwas anderes als Engagement

Ein klassisches Vereinsamt bedeutet häufig:

  • mehrere Jahre Verantwortung
  • regelmäßige Sitzungen
  • rechtliche Pflichten
  • Verwaltung
  • Termine am Abend
  • Erwartungen anderer Mitglieder
  • Aufgaben, die niemand sonst übernehmen möchte

Das ist etwas völlig anderes als die Frage: „Kannst du beim Sommerfest drei Stunden den Einlass übernehmen?“

Auch der ZiviZ-Survey 2023 beschreibt eine abnehmende Bereitschaft zur langfristigen Organisationsbindung.

Gleichzeitig haben mittlerweile 30 Prozent der untersuchten Organisationen freiwillig Engagierte, die gar keine Mitglieder der Organisation sind. 2012 waren es erst 21 Prozent.

Engagement löst sich also teilweise von den klassischen Strukturen. Das muss für Vereine keine schlechte Nachricht sein. Es kann eine Chance sein.

Menschen haben nicht unbedingt weniger Lust – sondern weniger freie Zeit

Beruf, Familie, Kinder, Pflege, Freizeit und ein Alltag voller Termine konkurrieren miteinander. Viele Menschen können oder wollen sich deshalb nicht auf Jahre festlegen.

Das bedeutet aber nicht, dass sie nichts beitragen möchten. Vielleicht hilft jemand gerne:

  • bei zwei Veranstaltungen im Jahr
  • für drei Monate bei einem Projekt
  • bei Social Media
  • beim Aufbau eines Festes
  • bei der Gestaltung eines Plakats
  • beim Training einer Jugendgruppe
  • bei der Mitgliederaufnahme
  • bei einem Förderantrag
  • bei einer einzelnen Aktion

Die klassische Vereinslogik denkt dagegen häufig in Ämtern: Vorsitzender, Kassenwart, Schriftführer, Jugendwart. Vielleicht müssen wir stärker in Aufgaben denken.

Aus „Wir brauchen Helfer“ muss eine konkrete Aufgabe werden

Ein weiterer Fehler liegt oft in der Ansprache. „Wir brauchen dringend mehr Ehrenamtliche.“ Das klingt wichtig.

Aber was genau soll ich tun? Wie viel Zeit kostet es? Wie lange soll ich mich verpflichten? Muss ich jedes Wochenende verfügbar sein? Was passiert, wenn ich irgendwann keine Zeit mehr habe?

Je unklarer eine Aufgabe ist, desto größer wirkt sie.

Vergleichen wir zwei Fragen: „Wer könnte uns bei der Veranstaltungsorganisation unterstützen?“ und „Wer übernimmt am Samstag von 10 bis 12 Uhr die Ausgabe der Helfershirts?“

Bei der zweiten Frage weiß jeder sofort, worum es geht. Aufgabe. Zeitraum. Ende. Das senkt die Einstiegshürde enorm.

Nicht jeder Helfer muss irgendwann Vorstand werden

Auch das ist ein wichtiger Gedanke. Vereine betrachten projektbezogenes Engagement manchmal fast als Vorstufe zum „richtigen“ Ehrenamt. Wer ein paarmal hilft, soll irgendwann eine Funktion übernehmen.

Aber vielleicht möchte diese Person genau das nicht. Und das ist völlig in Ordnung.

Ein Verein braucht nicht nur Menschen im Vorstand. Er braucht Menschen, die:

  • Veranstaltungen organisieren
  • Fotos machen
  • Kuchen backen
  • Kinder betreuen
  • Sponsoren ansprechen
  • Technik übernehmen
  • Texte schreiben
  • Räume dekorieren
  • Fahrdienste übernehmen
  • neue Mitglieder begrüßen

Viele kleine Beiträge können zusammen genauso wertvoll sein wie wenige riesige Aufgabenpakete.

Verantwortung kann wachsen

Gleichzeitig kann aus einer kleinen Aufgabe durchaus mehr entstehen. Aber vielleicht anders herum als früher: nicht Amt vor Aufgabe, sondern Aufgabe, dann Vertrauen, dann Verantwortung.

Jemand hilft zunächst beim Sommerfest. Beim nächsten Mal übernimmt die Person die Helferkoordination. Später organisiert sie eigenständig eine kleinere Veranstaltung. Und irgendwann sagt sie vielleicht selbst: „Ich könnte mir vorstellen, mehr Verantwortung zu übernehmen.“

So wächst Engagement organisch. Der Verein muss nicht beim ersten Gespräch mit dem Vorstandsposten winken.

Der Vorstand muss Verantwortung auch wirklich abgeben

Hier beginnt allerdings die unangenehmere Seite. Viele Vereine sagen: „Wir brauchen dringend Nachwuchs.“ Wenn der Nachwuchs dann kommt, hört er: „Das machen wir aber seit 25 Jahren so.“

Neue Menschen möchten nicht nur Aufgaben erledigen. Sie möchten gestalten. Wer Verantwortung übernehmen soll, braucht deshalb auch:

  • Entscheidungsfreiheit
  • Vertrauen
  • Zugriff auf notwendige Informationen
  • die Möglichkeit, Dinge anders zu machen
  • Raum für eigene Ideen

Niemand übernimmt gerne Verantwortung für eine Aufgabe, bei der jemand anderes jede Entscheidung kontrolliert. Nachwuchsgewinnung bedeutet deshalb auch, als bestehender Vorstand ein Stück loszulassen.

Der ZiviZ-Survey zeigt zudem, dass knapp die Hälfte der untersuchten Organisationen keine jungen Engagierten unter 30 Jahren in Leitungspositionen hat.

Die Herausforderung besteht also nicht nur darin, junge Menschen überhaupt für einen Verein zu interessieren, sondern ihnen Wege in Verantwortung zu eröffnen.

Ehrenamt darf nicht unnötig kompliziert sein

Ein weiterer Punkt wird häufig unterschätzt: Verwaltung.

Wer freiwillig helfen möchte, möchte meistens etwas bewegen. Kaum jemand denkt: „Ich würde unglaublich gerne meine Freizeit damit verbringen, drei Excel-Tabellen miteinander abzugleichen.“

Nach dem ZiviZ-Survey 2023 bewerten knapp drei Viertel der Organisationen die Verwaltungstätigkeiten für ihr zentrales Leitungsgremium als besonders zeitintensiv.

Das ist für Vereine ein ernstes Problem. Wenn Ehrenamtliche einen großen Teil ihrer Zeit mit Listen, Rückfragen, E-Mails, Protokollen und Terminabstimmungen verbringen, wird Engagement unattraktiver.

Gerade Menschen, die nur wenige Stunden Zeit haben, brauchen einfache Abläufe. Die Frage sollte deshalb immer lauten: Wie viel dieser Arbeit ist wirklich notwendig – und wie viel davon haben wir uns selbst gebaut?

Digitalisierung kann Engagement nicht ersetzen – aber leichter machen

Eine App erzeugt keine Ehrenamtlichen. Eine Vereinssoftware überzeugt niemanden automatisch, Vorsitzender zu werden. Aber gute digitale Organisation kann die Hürde senken.

Wenn Termine zentral stehen, Nachrichten gezielt verschickt werden, Mitgliederinformationen nicht in verschiedenen Excel-Dateien liegen und Aufgaben nachvollziehbar sind, kostet Ehrenamt weniger organisatorische Energie.

Das ist besonders bei projektbezogenem Engagement wichtig. Wer nur für eine Veranstaltung mithilft, sollte nicht erst fünf WhatsApp-Gruppen durchsuchen müssen, um herauszufinden:

  • Wann soll ich da sein?
  • Was ist meine Aufgabe?
  • Wer ist mein Ansprechpartner?
  • Wer hilft noch?
  • Hat sich etwas geändert?

Gute Organisation respektiert die Zeit der Menschen, die helfen.

Vielleicht brauchen wir eine neue Helferkultur

Ein moderner Verein könnte deshalb verschiedene Ebenen des Engagements anbieten.

1. Einfach mitmachen

Eine konkrete Aufgabe für wenige Stunden. Keine langfristige Verpflichtung.

2. Ein Projekt übernehmen

Eine Veranstaltung, ein bestimmtes Thema oder einen klar definierten Bereich für einige Wochen oder Monate verantworten.

3. Eine dauerhafte Aufgabe übernehmen

Regelmäßig einen überschaubaren Bereich betreuen.

4. Vereinsführung

Vorstands- oder Leitungsfunktion mit langfristiger Verantwortung.

Nicht jeder muss Ebene vier erreichen. Aber jeder kann irgendwo anfangen.

Ein Beispiel: Das Sommerfest

Ein Verein benötigt 20 Helfer. Die klassische Nachricht lautet: „Für unser Sommerfest suchen wir noch dringend Helfer. Bitte meldet euch.“ Ergebnis: wenige Rückmeldungen.

Eine andere Variante:

  • Samstag, 10 bis 12 Uhr: Aufbau – 4 Personen
  • Samstag, 14 bis 16 Uhr: Getränkestand – 2 Personen
  • Samstag, 16 bis 18 Uhr: Getränkestand – 2 Personen
  • Samstag, 17 Uhr: Fotos vom Kinderprogramm – 1 Person
  • Samstag, 18 bis 19 Uhr: Künstlerbetreuung – 1 Person
  • Sonntag, 10 bis 11 Uhr: Abbau – 5 Personen

Plötzlich sieht Engagement nicht mehr wie ein schwarzes Loch aus, das Freizeit verschlingt. Es sieht aus wie etwas, das man tatsächlich schaffen kann.

Junge Menschen wollen durchaus Verantwortung übernehmen

Gerade bei jungen Menschen lohnt sich deshalb ein genauer Blick. Der Freiwilligensurvey zeigt, dass freiwilliges Engagement auch unter jungen Menschen weiterhin weit verbreitet ist.

Das Problem ist nicht zwingend fehlendes Engagement. Vielleicht passt nur das traditionelle Modell nicht mehr überall.

Wer mit Studium, Ausbildung, Berufseinstieg, Partnerschaft oder Familienplanung beschäftigt ist, weiß möglicherweise nicht, wo er in zwei Jahren wohnen oder arbeiten wird. Ein vierjähriges Vorstandsamt wirkt dann gewaltig. Ein Projekt für sechs Wochen dagegen nicht.

Das bedeutet nicht, dass junge Menschen weniger zuverlässig sind. Es bedeutet lediglich, dass Vereine flexiblere Wege in Verantwortung schaffen sollten.

Und vielleicht kommen sie später wieder

Auch Engagement muss nicht für immer sein. Menschen ziehen weg. Kinder werden geboren. Der Beruf wird stressiger. Andere Lebensphasen beginnen.

Dann kann jemand auch einmal weniger machen oder ganz pausieren. Ein Verein, der darauf mit Verständnis reagiert, hat eine viel größere Chance, diese Person irgendwann zurückzugewinnen.

Wer dagegen vermittelt: „Wenn du einmal zusagst, kommst du hier nie wieder raus“, macht schon den Einstieg unattraktiv.

Was Vereine konkret verändern können

Die Suche nach neuen Ehrenamtlichen muss nicht mit einer großen Kampagne beginnen. Ein Verein kann morgen anfangen:

  • Große Aufgaben in kleine Pakete zerlegen.
  • Immer sagen, wie viel Zeit eine Aufgabe ungefähr kostet.
  • Aufgaben zeitlich begrenzen.
  • Neue Mitglieder früh nach Interessen fragen.
  • Menschen persönlich ansprechen.
  • Verantwortung tatsächlich abgeben.
  • Projektarbeit genauso wertschätzen wie Vorstandsarbeit.
  • Pausen und Ausstiege akzeptieren.
  • Verwaltungsaufwand reduzieren.
  • Digitale Werkzeuge nutzen, um Organisation einfacher zu machen.
  • Nach einem Einsatz ehrlich Danke sagen.
  • Gute Helfer später erneut ansprechen.

Was Vereinsheld damit zu tun hat

Vereinsheld kann niemanden zum Ehrenamt verpflichten. Und genau das soll eine Vereinsapp auch nicht.

Sie soll dafür sorgen, dass diejenigen, die sich engagieren möchten, möglichst wenig Zeit mit unnötiger Organisation verlieren. Mitglieder, Termine, Kommunikation, Rollen und weitere Bereiche der Vereinsorganisation können zentral zusammenlaufen.

Denn wenn jemand zwei Stunden seiner Freizeit schenkt, sollten diese zwei Stunden möglichst für den Verein da sein. Und nicht für die Suche nach der neuesten Excel-Datei.

Fazit

Vielleicht stimmt der Satz „Keiner will mehr etwas machen“ also gar nicht. Millionen Menschen engagieren sich weiterhin. Und gerade unter jüngeren Menschen ist die Bereitschaft dazu groß.

Aber die Erwartungen an Ehrenamt und Organisationsbindung verändern sich: flexibler, projektbezogener, überschaubarer, selbstbestimmter.

Vereine müssen deshalb nicht ihre Ansprüche aufgeben. Sie müssen neue Wege schaffen, wie Menschen Verantwortung übernehmen können.

Vielleicht beginnt der nächste Vorsitzende nicht mit einem Vorstandsamt. Vielleicht beginnt alles mit zwei Stunden Getränkestand beim Sommerfest.

Und genau darin liegt die Chance. Nicht jeder muss alles machen. Aber wenn viele ein bisschen machen, kann ein Verein unglaublich viel bewegen.

Weniger Verwaltungsaufwand. Mehr Zeit für euren Verein.

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Quellen